Zwei linke Hände

Zwei linke Hände
Veröffentlichungsdatum:
12 Oktober 2020
Wie benutzt man eine Säge? Wie errechnet man die Fläche eines Rechtecks? Viele Azubis wissen hier nicht weiter. „Technik“ als Schulfach gibt es in nur wenigen Bundesländern. Was unternehmen Maschinenbauer, um die Defizite auszugleichen?
 
Eine Kiste voller Zahnräder, Kugel­ lager und Holzklötze reicht aus, um strahlende Augen in Kindergärten oder Schulen zu sehen, hat Markus Süß gelernt. Er ist Leiter technisches Bil­ dungszentrum der SEW­ Eurodrive GmbH & Co KG im baden­württembergischen Bruchsal. Die Kinder lieben es, mit den Materialien zu basteln. „Da ist die Begeis­ terung groß“, sagt Süß. Doch ein Schulfach Technik existiert lediglich in 10 Bundes­ ländern, davon nur in zweien als Pflicht­ fach, wie eine Analyse der Lehrpläne durch den VDMA ergab.

„Ich bin im Wald und auf den Feldern groß geworden“, erinnert sich Süß, Jahr­ gang 1966. Heute verbringen viele Jugend­ liche ihre Freizeit vor dem Bildschirm. Das hat dramatische Folgen: Eine ganze Gene­ ration leidet unter mangelnder Feinmoto­rik, Körperbeherrschung und Fingerspit­ zengefühl. Sie haben keine Gelegenheit, handwerkliche Fähigkeiten zu entwi­ckeln. „Wir müssen in der Ausbildung mit der grundsätzlichen Handhabung eines Schraubenziehers beginnen“, sagt Süß. Derzeit erwäge man bei SEW­ Eurodrive, die Grundausbildung von bisher einem Jahr auf anderthalb Jahre auszuweiten. Dabei sind die 3,5 Jahre Ausbildungszeit bereits mit Lehrinhalten gut gefüllt. „Wir müssen gewichten und neben den Lehr­ plänen vor allem das lehren, was für unser Unternehmen wichtig ist“, erklärt der Lei­ ter des technischen Bildungszentrums.
 
Er regt an, vor allem die technische Kre­ativität der Jugendlichen zu fördern. Die Azubis hätten in der Regel ein gutes theo­ retisches Wissen, könnten dieses aber nicht umsetzen. Süß hat gute Erfahrungen damit, seinen Azubis mehr Freiraum zum technologischen Experimentieren zu geben. Einige von ihnen hätten in einem Projekt eine App erstellt, die „unsere IT in Schnappatmung versetzte“.
 

Höchste Zeit für Technik in der Schule

„Deutschland als Technikland kann auf ein Fach Technik in der Schule nicht ver­ zichten“, betont Stefan Grötzschel, der sich in der VDMA­-Abteilung Bildung mit dem Thema befasst. Der VDMA fordert die Ein­ führung eines solchen Faches bundesweit in allen Schulformen. „Dafür müssen natürlich auch Lehrkräfte ausgebildet werden“, sagt Grötzschel. Es gehe nicht an, dass aus Mangel an Fachpädagogen der Bio­ oder Mathelehrer den Technikunter­ richt gestalte.

„Wir haben weniger Zeit für die Ausbil­dung an den Maschinen als früher“, bedauert Philipp Rother, Leiter Ausbil­dung bei der Karl Mayer Textilmaschi­ nenfabrik GmbH im hessischen Oberts­ hausen. Er müsse mit seinen Azubis Schulstoff nachholen, etwa den Dreisatz oder Winkelfunktionen. Der Unterschied zwischen einem Radius und einem Durch­ messer sei Einzelnen nicht bekannt. Auf Nachfrage erklärten sie, dass ihnen dieses Wissen in der Schule nicht vermittelt worden sei. Die Karl Mayer Textilmaschi­ nenfabrik bietet ihren Azubis inzwischen betreutes Lernen an, um den Stoff der Berufsschule zu verstehen. Er als Ausbil­ der müsse immer öfter die Rolle eines Lehrers einnehmen, sagt Rother.

Die Jugendlichen der Generation „Digi­tal Natives“ verstünden häufig nicht, was in einem Computer vor sich gehe. Ihre Kompetenz beschränke sich darauf, eine App zu installieren. „Es ist erschütternd, wie wenig sie über die Technik dahinter wissen“, klagt Rother.Um Jugendliche mehr für Technik zu interessieren, habe man Lehrkräften ange­ boten, sich in den Sommerferien vor Ort in der Werkstatt weiterzubilden. „Um Schüler für technische Berufe zu begeis­ tern, sollten Lehrer die Praxis kennen“, schlägt Rother vor. Es sei aber niemand auf sein Angebot eingegangen.

Die Windmöller & Hölscher KG im nordrhein­westfälischen Lengerich lädt technisch interessierte junge Leute zu einem „Tag der Ausbildung“ ins eigene Unternehmen ein und lässt Azubis de­ monstrieren, wie Pneumatikschaltungen gebaut oder mit CAD gearbeitet wird. „Bei der Betriebsführung sehen die Schü­ ler, dass eine Werkstatt heute hell und sauber ist“, erklärt Olaf Heymann­Riedel, Geschäftsführer der Windmöller & Hölscher Academy GmbH. Dass Werkstätten dun­ kel und dreckig sind, sei ein immer noch weit verbreitetes Vorurteil. Vor etwa vier Jahren startete das Programm mit rund 350 Besuchern, jetzt kommen mehr als 500. Das Unternehmen steht dafür in Kontakt mit 20 Schulen, darunter auch vielen Gymnasien. „Ein mittelmäßiger Gymnasiast kann ein guter Produktdesigner werden“, betont Heymann­ Riedel. Auch er vermisst bei seinen Azubis sowohl grundlegende handwerkliche Fertigkeiten als auch mathematische Kenntnisse, angefangen beim Dreisatz. Das Unternehmen bietet daher Werksunterricht, der um praktische Aufgaben aus der Mathematik ergänzt wird. Heymann­Riedel ist froh, wenn unter den 18 bis 22 Azubis, die jährlich eingestellt werden, Jugendliche aus land­ wirtschaftlichen Betrieben dabei sind. „Die können noch schrauben“, hat er fest­ gestellt.
 
Um die Defizite zu beheben, fordert Heymann­Riedel Experten bei den IHK, Verbänden und in der Politik, die die För­derung von Technik und MINT ­Fächern in der Schule vorantreiben. Nordrhein­ Westfalen habe zwar mit der Berufsorien­ tierung unter dem Motto „KAOA – Kein Abschluss ohne Anschluss“ erste Anstren­ gungen zur Berufsorientierung gemacht. Doch dies sei „zu wenig und der praktische Anteil ausschließlich auf die Firmen verlagert“, findet Heymann­Riedel. „Die Schüler kommen viel zu wenig mit Tech­nik in Kontakt und wissen gar nicht, ob ihnen ein Beruf in diesem Bereich Spaß machen würde“, sagt er.
 

Schüler auf Parabelflug

Einen spektakulären Weg, Jugendliche für Technik zu begeistern, hat die ZF Friedrichshafen AG zusammen mit der Schule Schloss Salem im Bodenseekreis gefunden. Sie werden 2021 einen Schüler auf einen Parabelflug senden, um Experi­ mente in der Schwerelosigkeit zu realisie­ ren. Wer die Idee zu dieser Zusammenar­ beit ursprünglich hatte, ist im Nachhinein nicht mehr festzustellen. Dass es um einen Parabelflug gehen sollte, stand fest, nach­ dem Schulleiter Bernd J. Westermeyer mit jungen Ingenieuren des Start­ups yuri GmbH gesprochen hatte, einem Spezialis­ ten für Schwerelosigkeit.

„Wir beschäftigen uns mit der Stress­ messung in Extremsituationen“, sagt Martin Herrmann, Leiter Sensorentwick­ lung in der zentralen Forschung von ZF Friedrichshafen. Bisher wird Testpassagie­ ren in autonom fahrenden Autos häufig übel, vor allem, wenn sie lesen oder arbei­ ten. Der Autozulieferer ZF arbeitet gemein­ sam mit Neurotechnologen an Wegen, die Symptome früh zu erkennen. Bei einem Parabelflug kommt es ebenfalls häufig zu Beschwerden, wenn das Flugzeug zunächst steil nach oben und dann nach unten fliegt. Auf dem Wendepunkt des Fluges haben die Mitfliegenden die Illusion von Schwere­losigkeit wie bei einer Raumfahrt. Den Schülern der Schule Schloss Salem wurde nun die Aufgabe gestellt, die Reak­tionen der Passagiere im Moment der Schwerelosigkeit bei einem Parabelflug zu messen. Welche Sensoren würden sie wie einsetzen?

Martin Herrmann und seine Kollegen aus der ZF­ Forschungsabteilung waren gespannt: „Wir hatten uns eigentlich vorgestellt, die Lösung sei leicht. Aber manchmal ist man einfach betriebsblind. Daher waren wir neugierig, auf welche Ideen die Jugendlichen kommen.“ Und die waren kreativ. Zu den Lösungsmöglichkei­ ten gehört die Idee, mit einem Eyetracker, wie er in günstiger Ausführung für Video­ spiele genutzt wird, die Augenbewegun­ gen der Passagiere zu verfolgen. Stress würde sich in den Augenbewegungen bemerkbar machen, so die Theorie. Wel­ ches Konzept am Ende in der Schwere­ losigkeit getestet werden kann, wird am Ende des Jahres in einem Pitch ermittelt. Die Schüler von Schloss Salem durften die Wissenswerkstatt in den Räumen von ZF Friedrichshafen nutzen, die der Auto­ mobilzulieferer sponsert. Dort finden sich voll ausgestattete Metall­, Holz­ und Elektrowerkstätten, außerdem ein 3D­-Drucker und ein Sensorset. Ein Mitar­beiter lehrte die Kinder, die Sensoren zu programmieren, sodass sie Prototypen herstellen konnten. „Das hat auch einen pädagogischen Nutzen. Die Schüler ler­ nen, wie der Arbeitsalltag in einer Werk­ statt aussieht“, sagt Herrmann.


Kinder über das Tun begeistern

„Ich glaube, dass man Kinder über das Tun packen kann“, erklärt Schulleiter Westermeyer. Nach dem baden­württem­bergischen Lehrplan wird dort in der 8. Klasse das Fach „Naturwissenschaft und Technik“ gelehrt. „Das weckt bei vie­ len Schülern Begeisterung, die dann bei der theoretischen Auseinandersetzung nur erhalten bleiben muss.“ Der Wettbe­ werb ist nun ein weiterer Anlass, sich mit Technik auseinanderzusetzen. Der Flug wird von dem Start­up yuri organisiert, das von ehemaligen Airbus­ Ingenieuren gegründet wurde. „Der Wettbewerbs­ gedanke schweißt das Schülerteam zusammen“, ist sich yuri­Gründer Mark Kugel sicher, „und die Chance auf den Parabelflug begeistert.“ Die fünfstelligen Kosten für den Flug, der in einem Airbus A 310 stattfindet, übernimmt ZF Friedrichshafen. „In der Regel kooperieren wir eher mit Hochschulen, aber bei diesem außergewöhnlichen Projekt machen wir gerne mit“, sagt Herrmann von dem Automobilzulieferer.

Der Artikel erschien zuerst im VDMA Magazin 2020/8.
Autorin: Dr. Charlotte Schmitz

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