Ein Friedhof als Glaubenszeugnis

Ein Friedhof als Glaubenszeugnis
Dr. Bernd Mathias Kremer, Konradsblatt Nr. 43/2019
Veröffentlichungsdatum:
09 Dezember 2019
Der Friedhof der Behinderteneinrichtung Fischerhof in Hammereisenbach im Hochschwarzwald.

Bei der Behinderteneinrichtung Fischerhof in Hammereisenbach im Hochschwarzwald liegt ein ganz eigener Friedhof, dessen Stelen von dem ortsansässigen Künstler Wolfgang Kleiser geschaffen wurden.
 
Der Totenkult, der würdige Umgang mit den Verstorbenen, spielt in allen Bekenntnissen eine große Rolle, in manchen Religionen, wie in Ägypten, scheint die Vorsorge für den Weg im Jenseits nahezu wichtiger zu sein wie die diesseitige Existenz. Nach seinem Ableben ist der Tote in seiner irdischen Hülle, auch wenn die Seele von ihm geschieden ist, immer noch unter den Lebenden gegenwärtig. Die Totenfürsorge gehört daher zu den Werken der Barmherzigkeit und wird nach Christi Tod exemplarisch an dem gekreuzigten Herrn wahrgenommen.
 
Das Grab, in dem der Verstorbene beigesetzt wurde, ist ein Ort der Trauer und der Erinnrung. An dieser Stelle bleibt der Verstorbene immer noch präsent und indem die Lebenden sein Grab pflegen und hier für seine ewige Ruhe beten, sind sie mit ihm über den Tod verbunden. Der früher oft für den Friedhof verwendete Begriff Gottesacker,bringt zum Ausdruck, dass die Heimgegangenen bei Gott sind und auf die Auferstehung der Toten warten. Vielfältig waren die Bestat-tungsformen im Laufe der Geschichte. Übliche Arten waren und sind die Beisetzung in der Erde oder der Verbrennung des Leichnams, die aber eher Zeichen des heidnischen Bestat-  tungskultes war, während sich im Christentum über die Jahrtausende die Erdbestattung durchsetzte, ja ein Verbot der Feuerbestattung bestand. Der Mensch kehrt zur Erde zurück, wie es in der Beerdigungsliturgie heißt: „Von Erde bist du genommen zur Erde sollst du werden, Gott vollende an dir was er dir in der Taufe geschenkt hat und gebe dir Teil an seiner Herrlichkeit.“
 

Ein Friedhof der christlichen Hoffnung

Ein besonderer Bestattungsort ist der Friedhof in Hammereisenbach, auf dem die Verstobenen der Behinderteneinrichtung der Diakonie Fischerhof beigesetzt werden. Wir durchschreiten den am Hang gelegenen allgemeinen Friedhof mit seiner schönen Grabkapelle und gelangen zu dem hoch gelegenen Friedhofteil, auf dem die Verstorbenen vom Fischerhof beigesetzt werden. Sofort nimmt uns der geschlossene und einheitliche Eindruck dieses Friedhofs gefangen, der auf der Gleichartigkeit der Grabgestaltung – trotz individuellen Formen – beruht. Vor allem geht dieser einheitliche Eindruck auf die Tatsache zurück, bdass die Grabstelen dieses Friedhofes alle vom gleichen Künstler, dem ortsansässigen Wolfgang Kleiser, gestaltet worden sind. Einheit und Individualität prägen diesen Friedhofteil, der als ausdruckstarkes Feld über den anderen Gräbern schwebt. Es ist ein Friedhof, der in eindringlicher Weise die christliche Hoffnung auf die Auferstehung widerspiegelt. Dies wird deutlich durch die Worte auf einer der vordersten Grabstelen: „Christus gestorben für uns, gemäß der Schrift begraben, erweckt aus dem Tod.“ Nahezu alle Grabstelen weisen eine christliche Symbolik auf. Es ist daher nicht nur ein Friedhof der letzten Ruhe für die Verstorbenen, sondern ein Friedhof, der den Lebenden predigt. Die gleichartige Gestaltung der Stelen, trotz Individualisierung jedes Grabdenkmales durch den Künstler, gibt dem Friedhof  zugleich einen harmonischen ästhetischen Eindruck, der uns berührt und Frieden und Harmonie ausstrahlt. 
 

Eine sowohl individuelle als auch einheitliche Gestaltung

Die Beisetzung der Behinderten in einem gemeinsamen Grabfeld, eigentlich in einem eigenen kleinen Friedhof, hat auch einen tieferen Sinn. Die Menschen, die oft ein nicht einfaches Schicksal hatten und ihr Leben zusammen verbrachten, sollen auch nicht im Tod getrennt werden. Ihre Lebens- und Schicksalsgemeinschaft soll noch im Tod sichtbar bleiben. Ihre gemeinsame Beisetzung bringt die gemeinsame Hoffnung auf ein besseres und ewiges Leben zum Ausdruck. Auch wenn die sowohl individuelle wie einheitliche Gestaltung der Grabstelen in Hammereisenbach etwas ganz Besonderes ist, gibt es auch andere Friedhöfe mit einem einheitlichen Aussehen der Grabdenkmale. Zu denken ist hier an den Segringer Friedhof mit Kreuzen in Schwarz und Gold, den sorbischen Friedhof in Ralbitz mit Kreuzen in weiß mit Gold und den Friedhof der Namenlosen an der Donau in Wien. Vor allem sind die zahlrei-
chen Gefallenenfriedhöfe und die Klosterfriedhöfe mit ihren gleichartigen Denkmalen zu erwähnen. Bei den Kriegstoten werden die Bestatteten durch das
gemeinsame Todesschicksal verbunden. Die Ordensfriedhöfe bringen die Zugehörigkeit zu einer Ordensgemeinschaft zum Ausdruck. Die Toten auf dem Friedhof der Namenlosen charakterisiert das oft gleiche Schicksal des Todes in der Donau durch ein Unglück oder Suizid.

 

Die erste Beisetzung fand im Jahre 1971 statt

In Hammereisenbach ist es jedoch die Lebensgemeinschaft in einer Behinderteneinrichtung, und das Besondere ist die Gleichheit der Gestaltung der Grabdenkmale bei gleichzeitiger Wahrung der Individualität jeder Grabstele, sowie die Identität der Handschrift des Künstlers. Die Vielzahl der christlichen Motive hebt diesen Friedhof ebenfalls heraus und macht ihn nicht nur zu einem Ort der ewigen Ruhe, sondern des lebendigen Glabens. Die erste Beisetzung fand hier im Jahre 1971 statt, auf der Stele ist bezeichnenderweise der Auferstandene dargestellt. Dieses Motiv finden wir in vielen Varianten auf dem Friedhof immer wieder in einer neuen künstlerischen Sicht. So durchdringt die Auferstehungshoffnung gleichsam das Gräberfeld. Dicht bei Ostern liegt das Emmauserlebnis der Jünger. Auch dieses hat der Künstler in einer besonders schönen Stelle dargestellt. Ebenso finden wir das Osterlamm mit der Siegesfahne und die Frauen am Grab. Auch der Opfertod am Kreuze, wie die Hilfe bei der Kreuztragung durch Simon von Cyrene ist unter den Darstellungen.
 

Die wunderbare Brotvermehrung für einen Bäckermeister

Letztere ist von symbolischem Charakter für die Einrichtung, haben doch die Mitarbeiter des Fischerhofes den hier Bestatteten geholfen, das Kreuz ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigung zu tragen. Wir finden jedoch auch auf einer Stele ein Musikinstrument, das daran erinnert, dass der Verstorbene seine Freude daran hatte, Musik zu machen. Auch außerhalb des Friedhofs der Heimeinrichtung steht ein Grabdenkmal Kleisers für einen Bäckermeister, auf dem sinnigerweise die wunderbare Brotvermehrung dargestellt ist. Auf Kleiser geht die Idee der Gestaltung dieses Friedhofs zurück. Er wollte nicht, dass die Behinderten auch im Tod durch  ein einfaches Grabmal benachteiligt sind. Der außergewöhnlich rüstige Künstler pflegt ehrenamtlich die Stelen. Wenn eine Neubestattung erfolgt, werden sie von ihm überarbeitet und mit dem neuen Namen versehen. So kommt dem Friedhof auch etwas „Ewigkeits-Charakter“ zu. Die liebevolle Grabpflege übernimmt die Behinderteneinrichtung und so spüren wir an diesem Ort etwas von dem Satz Thorsten Wilders:
„Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzig Bleibende, der einzige Sinn.“
 

Der Bildhauer Wolfgang Kleiser

Schöpfer der Grabstelen ist der aus Urach stammende Holzbildhauer Wolfgang Kleiser. Er wurde 1936 in Urach geboren und wohnt in Hammereisenbach. Er lernte das Handwerk des Holzbildhauers bei seinem Vater und schloss seine Ausbildung mit der Meisterprüfung als Holzbildhauer ab. Weitere Ausbildungsstation war die Weiterbildung bei dem Freiburger akademischen Bildhauer Franz Spiegelhalter. Wolfgang Kleiser hat zahlreiche Werke im sakralen und profanen Bereich geschaffen und ist durch viele Ausstellungen hervorgetreten. Viele liturgische Neugestaltungen der Kirchen sind ihm zu verdanken. Einer seiner Hauptwerke ist die Ausstattung der neuen Kirche in Schallstadt. Besonders gelungen sind im auch mehrere Kreuzwege, insbesondere der nach Freiburg, St. Ottilien.
 

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